Abschied und Neubeginn

Zu einem Abschied gehört gewöhnlich ein Blick zurück, und einen solchen wirft die namenlose Frau mittleren Alters im Roman Alleinruhelage von Eva Menasse auf die 20 Jahre, in denen sie Besitzerin eines Wochenendhauses im südlichen Vorpommern war. Nun aber ist endgültig Schluss:
Haus, ich verkaufe dich. (S. 7)
Zehn Jahre nach der Wende erwarb sie die ehemalige Waldschänke an einem schilfumstandenen See, ein Haus, „das aussieht wie eine aufgestellte Käseecke“ (S. 17), zusammen mit ihrem Mann für die Patchworkfamilie. Einzig eine Datschensiedlung befand sich in der Nähe, so dass der aus dem österreichischen Maklerdeutsch stammende Romantitel Alleinruhelage das Ambiente wunderbar erfasst. Das Haus wurde Zeuge eines Lebensabschnitts, der beim Ausräumen noch einmal neu vor ihren Augen aufsteigt, und den die Ich-Erzählerin zugunsten eines Neuanfang abschließen will:
Du bist Zeuge von allem gewesen, der Ehe, den Kindern, dem Ende der Ehe, den Lieben, die danach kamen, den Festen, meinen Versuchen, dich loszuwerden, meinen Versuchen, dich zu verschönern […]; meiner Arbeit, dem Denken und Schreiben, das zu einem wichtigen Teil hier stattgefunden hat, beschützt und angeregt vom Streunen durch Wald und Garten. (S. 8)

Vom Familiendomizil zum Alleinhaus
Der anfängliche Traum von der Idylle ohne Vergangenheit abseits der lauten und geschäftigen Großstadt Berlin wich bald der Realität in Form von Nachwende-Bürokratie, einem schwerkranken See und misstrauischem Unverständnis zwischen den „Sch’tis Vorpommerns“ (S. 38) in den Datschen und den vermeintlich hochnäsigen Städtern:
Immerhin ist es mir gelungen, niemals »Arschloch» zu sagen, obwohl ich es viele Male dachte. (S. 39)
Ihr Gedankenstrom fließt zu jener Zeit vor zehn Jahren, als sie das Haus nach dem Ende ihrer Ehe schon einmal verkaufen wollte, dann aber mit Hilfe des zupackenden polnisch-moldawischen Handwerker-Ehepaars Alla und Bolek einen Start in eine professionell unterstützte „Alleinhausperiode“ (S. 159) von gleicher Dauer wagte.
Ein Potpourri aus Erlebtem und Erfundenem
Auch wenn Alleinruhelage auf den ersten Blick wie eine Autobiografie erscheint, ist es, wie der Untertitel ausweist, ein Roman, in dem die 1970 in Wien geborene, seit 2003 in Berlin lebende Autorin bunt Erlebtes mit Erfundenem mischt. In assoziativer Form springt die Ich-Erzählerin zwischen Szenen aus dem Leben ihrer Patchworkfamilie, Erinnerungen an prägende Kindheitserfahrungen, Freundschaftsgeschichten und Heimwerker- und Gartenabenteuern hin und her und reflektiert die Gründe für Glück und Unglück genauso wie das Scheitern einer nachehelichen Beziehung. Klug verhandelt werden neben dem rein Privaten aber auch DDR-Geschichte, fortdauernde deutsch-deutsche Probleme und Verletzungen der Wende- und Nachwendezeit aus österreichischem Blickwinkel sowie Auswirkungen ökologischer und klimatischer Veränderungen.
Kluge Unterhaltung
Als routinierte Erzählerin sorgt Eva Menasse mit leichter Hand dafür, dass man lesend nahtlos durch diesen gut 200 Seiten umfassenden bunten Strauß an Themen gleitet, von denen mich fast alle bestens unterhalten haben. Verantwortlich dafür ist vor allem Eva Menasses unsentimental-melancholischer Ton, ihr Sarkasmus, ihre (Selbst-)Ironie und ihr bestechender Humor. Unvergesslich bleiben die fantasievolle Grammatik der moldawischen Baufrau Alla („Sag du mir, hat Wand Chance, wann kommt Alla aus Moldawien“, S. 14) oder die Erlebnisse mit Wühlmäusen, („Maulwürfe auf Anabolika“, S. 159), deren Unterminierung des Gartens für ein unvergessliches Sommerfest sorgte.
Wer Eva Menasses Alleinruhelage in Erwartung eines Werkes von der Größe und Bedeutung ihres Romans Dunkelblum von 2021 liest, wird vermutlich enttäuscht. Wer dagegen offen ist und sich überraschen lässt, dem könnte diese intelligente, elegant geschriebene Halbzeitbilanz eines Lebens ähnlich viel Freude bereiten wie mir.
Eva Menasse: Alleinruhelage. Kiepenheuer & Witsch 2026
www.kiwi-verlag.de
Weitere Rezension zu einem Roman von Eva Menasse auf diesem Blog:




















