Vermengungen

Thomas, ein 62-jähriger Schriftsteller und Ich-Erzähler aus Berlin, wird im Juni 2025 zu einer privaten Lesung in ein mecklenburger Hotel eingeladen, ausgerechnet als Geburtstagsgeschenk für einen ehemaligen Klassenkameraden. Ein bislang unveröffentlichter Text soll es sein und so wählt er seine noch unvollendete autobiographische Novelle, die im August 1979 südlich von Neubrandenburg spielt.
Was wie ein Routinetermin wirkt, ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: Der Jubilar soll die Familie des Ich-Erzählers 44 Jahren zuvor an die Stasi verraten haben, die Fahrt zum Veranstaltungsort beginnt mit einer Autopanne und die Lesung läuft „etwas aus dem Ruder“ (S. 9), denn im Publikum sitzen nicht nur ehemalige Klassenkameraden, sondern auch eine zentrale Figur der Novelle, die er 46 Jahre nicht gesehen und nie vergessen hat.
Der Roman Das Wasser im August des 1962 in Dresden geborenen Autors Ingo Schulze setzt sich aus unterschiedlichen Teilen zusammen: der hindernisreichen Anreise von Thomas, der Novelle in 22 Kapiteln, die eine Erzählung in der Erzählung bildet, den Begleitumständen seiner Lesung, die außerplanmäßig am nächsten Morgen fortgesetzt wird, wie Begegnungen, Mahlzeiten, Reflexionen über das Schreiben und angeregte Diskussionen sowie seiner Rückkehr zu seinem Auto, das überraschenderweise wieder fährt.
Lehrzeit eines Schriftstellers
Die Novelle erzählt vom 16-jährigen Dresdner Gymnasiasten Thomas, der im Sommer 1979 von einer Schriftstellerkarriere träumt, und auf Einladung eines Künstlerpaares einige Wochen im fiktiven Klein-Jarchow am Tollensesee verbringt. Seine Gastgeber Emmy und Paul wollen ihn in der Weite der mecklenburgischen Landschaft mit ihren inspirierenden Farben und Wolkenformationen und mit den Kunstschätzen der Umgebung das Sehen und Beschreiben lehren, das ihn zum wahren Schriftsteller machen soll. Doch nicht nur die Begegnungen mit Kunst und Natur verändern den Teenager, auch halbverstandene Andeutungen der Erwachsenen über Politik und Religion, ein bunter Strauß von Lektüren und vor allem die 29-jährige Ärztin Sonja, die zu Besuch auf dem benachbarten Pfarrhof ist, lassen ihn seine Möglichkeiten für die Zukunft erahnen.
Geschriebenes und Erlebtes
Ausgerechnet diese Sonja, die in Wirklichkeit Angelika heißt, und die er sich jahrzehntelang – allerdings nicht heute – als Gast einer Lesung erhoffte, sitzt an diesem Abend im Publikum. Es beginnt ein verwirrendes Spiel um Namen, denn nur der Protagonist trägt in Rahmenhandlung und Novelle den gleichen, um Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion und die Bedeutung von Erinnerungen:
Wie immer, wenn man über etwas schreibt, dessen Hintergrund autobiographisch ist, wird es danach schwer, das Geschriebene und das tatsächlich Erlebte auseinanderzuhalten oder gar sauber voneinander zu trennen. Es vermengt sich immer, mal mehr, mal weniger. (S. 173)

Je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr verschränken sich die Zeitebenen, bis sich auf den letzten Seiten das „Ich“ und das „Er“ endgültig mischen:
Es war dieser Gedanke, bei dem er begriff, dass nicht nur ein ganzer Tag vor ihm lag und abends eine Fahrt mit dem Malmö-Zug – vor mir lag ein ganzes Leben! (S. 310)
Virtuos komponiert
Insbesondere der junge Thomas mit seiner Begeisterungsfähigkeit, seinen Selbstzweifeln und seinem Glauben an die Veränderbarkeit seines Landes ist eine sehr gelungene Figur. Der gealterte Schriftsteller blickt mit großem Verständnis und Empathie auf sein jüngeres Ich zurück und verteidigt sein Recht auf einen individuellen Umgang mit der Erinnerung.
In der Rahmenhandlung hätte ich mehr Aufmerksamkeit für Themen wie den Stasi-Verrat oder Angelikas überraschende Schlusspointe gewünscht und für manche politische Andeutung wäre ein wenig Unterstützung hilfreich gewesen. Dagegen hat mich die Verknüpfung der Zeitebenen, die viel Mitdenken erfordert, vollkommen überzeugt, ebenso wie das mit feinem Humor konstruierte Spiel um Erinnerungen, Realität und Fiktion. Zurecht wurde Das Wasser im August mit dem Uwe-Johnson-Preis 2026 ausgezeichnet und stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.
Ingo Schulze: Das Wasser im August. S. Fischer 2026
www.fischerverlage.de
































