Ein Klassiker der Polarliteratur

Als eine der ersten Frauen verbrachte die österreichische Malerin und Autorin Christiane Ritter (1898 – 2000) ein Jahr fernab jeglicher Zivilisation in einer Hütte im Norden von Spitzbergen. Sie war weder Polarforscherin noch suchte sie aus eigenem Antrieb das Abenteuer, sondern folgte der Aufforderung ihres Mannes Hermann Ritter (1891 – 1968), eines Nordmeerfahrers und Pelztierjägers, der bereits mehrfach in Spitzbergen überwintert hatte.
1938 erschien ihr Buch über ihre Erlebnisse vom Sommer 1934 bis zum Sommer 1935 unter dem Titel Eine Frau erlebt die Polarnacht, von ihr selbst mit acht Aquarellen und 25 Federzeichnungen illustriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte es zum Bestseller, heute gilt es zurecht als lesenswerter Klassiker der Polarliteratur.
Ein Schock zu Beginn
Als Christiane Ritter ihre kleine Tochter Karin bei ihren Eltern zurückließ, stellte sie sich eine kleine Hütte in freundlichem Licht vor, in der sie am warmen Ofen Strümpfe stricken, malen, lesen und ausschlafen würde. Die Ankunft an der wenig einladenden Küste, das typisch neblige Spitzbergensommerwetter, die nur drei Quadratmeter große, Nochprimitive Hütte, die sich das Paar mit dem norwegischen Jäger Karl teilte, der in ihren Augen typisch chaotische Männerhaushalt und das „Ofenbiest“ sorgten für Ernüchterung:
Ein schauerliches Land ist es, denke ich mir im stillen. […] Was haben die Menschen bloß an dieser Insel? (S. 21)
Nachdem die Hütte gesäubert, der Nebel verschwunden war und Karl mit dem ersten erlegten Seehund für Nahrung und Vitamine gesorgt hatte, setzte bei Christiane Ritter Ende August eine erste zaghafte Wende ein:
So eine Herrlichkeit! Wir leben auf einem unbeschreiblich schönen Stück Erde. (S. 40)
Noch warteten allerdings große Herausforderungen: kürzer werdende Tage, Abwesenheit der Sonne vom 16. Oktober bis 25. Februar, Monate absoluter Finsternis, spukhafte Naturerlebnisse, neun Tage bei heftigstem Orkan ganz allein in der Hütte, gewaltige Einsamkeit, zeitweise ausbleibendes Jagdglück, Angst vor Hunger und Vitaminmangel, extreme Kälte ab Anfang Februar mit -40 bis -50 Grad und das Warten auf Packeis und Eisbären. All das bewirkte bei ihr eine große Veränderung:
Hier oben muß man die Größe haben, nicht pedantisch zu sein. Ich sehe nun auch das Leben mit anderen Augen. Vergessen sind alle Äußerlichkeiten, es dreht sich hier alles ums nackte Sein. (S. 117)
Belohnt wird, wer allen Widrigkeiten und Bedrohungen trotzt, mit dem unvergleichlichen arktischen Frühling, Höhepunkt des Polarjahrs.

Für Europa verpatzt
Gerade weil die unbedarfte Christiane Ritter in Spitzbergen weder Abenteuer noch Ruhm suchte, sich stattdessen den Bedingungen anpasste und offen für Veränderung war, sind ihre Beobachtungen zum Überleben ohne moderne Ausrüstung in einer unerbittlichen, eisigen und menschenfeindlichen Wildnis bis heute interessant zu lesen. Der Abschied nach einem Jahr fiel ihr schwer und sie fühlte sich „für Europa verpatzt“ (S. 187)
Ich habe das Taschenbuch aus dem Jahr 1991 mit einem Nachwort der Autorin von 1990 in der wunderschön gepflegten offenen Bücherzelle Steckby an der Elbe entdeckt. Die Lektüre kann ich sehr empfehlen, auch wenn das Frauenbild deutlich der Entstehungszeit geschuldet ist und es verwundert, dass Christiane Ritter ihre Tochter, von der sie ein Jahr ohne Nachricht blieb, so gut wie nicht erwähnt.
Sprachlich stechen die Beschreibungen der arktischen Natur und der Jahreszeiten durch die in Farben und Formen geschulten Augen der Künstlerin hervor.
Per Kreuzfahrt ist dieses Erlebnis allerdings nicht zu haben:
Nein, die Arktis gibt ihr Geheimnis nicht her für den Preis einer Schiffskarte. Man muss hindurchgegangen sein durch die lange Nacht, durch die Stürme und die Zertrümmerung der menschlichen Selbstherrlichkeit. Man muß in das Totsein aller Dinge geblickt haben, um ihre Lebendigkeit zu erleben. (S. 188)
Christiane Ritter: Eine Frau erlebt die Polarnacht. Mit acht Aquarellen u. 25 Federzeichnungen der Verfasserin u. einer Karte. Ullstein Sachbuch 1991
www.ullstein.de






















