Die fehlende Hälfte

Die 1977 in Hermannstadt geborene, im Banat aufgewachsene und 1985 nach Süddeutschland ausgewanderte Autorin Iris Wolff kehrt in ihren bisher fünf erfolgreichen und preisgekrönten Romanen immer wieder nach Siebenbürgen zurück. Auch ihr Debütroman Halber Stein von 2012 spielt in Michaelsberg, einem siebenbürgischen Dorf nahe Hermannstadt. Er erschien zunächst im Verlag Otto Müller, 2026 als blumengeschmückte Taschenbuchausgabe in Iris Wolffs aktuellem Verlag Klett-Cotta.
Uneingestandene Gefühle
Die Handlung spielt während weniger Tage im Spätsommer 2006, als die Ich-Erzählerin Friedesine, genannt Sine, 20 Jahre nach ihrer Auswanderung erstmals nach Siebenbürgen zurückkehrt. Bisher wollte sie ihren Vater Johann nie bei den Besuchen im alten Zuhause begleiten, sondern schaute wie ihre Mutter Hermine lieber nicht zurück. Nun gibt es einen traurigen Anlass für ihre erste Reise: Mit ihrer Großmutter Agneta ist das letzte in Siebenbürgen verbliebene Familienmitglied verstorben, es droht der endgültige Heimatverlust. Sine, die nach Beendigung ihres Studiums orientierungslos wieder bei ihren Eltern eingezogen ist, wird bei der Ankunft von ihren Gefühlen überwältigt:
Ich sah über die Hügel, über die angrenzenden Dörfer und die hellen Karpaten, spürte die Sonne auf meinem Gesicht, die Grashalme an den Fußsohlen und wusste, dass ich alles vermisst und mir dieses Gefühl doch nie eingestanden hatte. […] Wieso fühlte sich plötzlich alles anders an? (S. 37)

Erinnerungsorte
Während der Tage im noch immer überraschend vertrauten Haus der Großmutter besucht sie bekannte und neue Orte und begegnet ihrem Kinderfreund Julian Eminescu wieder, mit dem sich während gemeinsamer Ausflüge in die Umgebung mehr als nur die alte Vertrautheit einstellt. Er und viele andere erzählen ihr von Siebenbürgen, denn so wenig sie sich während der Jahre in Deutschland dafür interessierte, so viel möchte sie nun erfahren: über Agneta, die 850-jährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen und nicht zuletzt über sich selbst. Sine erinnert sich an Kindheitserlebnisse, Gerüche, Geräusche, Gebäude und die unvergleichliche Landschaft, kommt einem Geheimnis Agnetas auf die Spur und findet Erinnerungsorte:
Es ist, als wartete überall, wo ich hinkomme, eine Erinnerung. (S. 240)
Zum Symbol ihrer eigenen Unvollständigkeit wird ein kreidezeitliches Naturmonument, das Sine immer wieder besucht, der titelgebende „Halbe Stein“, der wie eine zur Hälfte abgerissene steinerne Brücke am Ufer des Silberbachs aus der Erde zu wachsen scheint:
Der Stein ragte stolz und unbeirrt auf und spiegelte durch seine standhafte, fast trotzige Anwesenheit immer auch die andere, unsichtbare, vergangene Hälfte. (S. 303/304)
Doch was macht Sines eigene zweite Hälfte aus? Sind es die verdrängten Wurzeln und Erinnerungen? Lässt sich der gekappte Faden wieder aufnehmen und dadurch Orientierung für die Zukunft finden?
Ein vielversprechendes Debüt
In diesem Debütroman zeigt Iris Wolff bereits vieles, was mich an ihren späteren Romanen Die Unschärfe der Welt (2020) und Lichtungen (2024) begeistert: Empathie für ihre Figuren und für Siebenbürgen, Wissen über dessen Geschichte, Kultur und Brauchtum und exzellente Natur- und Landschaftsbeschreibungen, alles in einem ruhigen Erzählfluss mit poetisch-stimmigen Bildern und einer wunderschön melodischen, sensiblen Sprache. Nur bei der Verwebung der Fakten über Siebenbürgen ist eine deutliche Weiterentwicklung spürbar. Werden sie in Halber Stein noch etwas zu offensichtlich belehrend in Gesprächen vermittelt, die mich immer wieder stolpern ließen, fließen sie in die späteren Bücher selbstverständlicher und eleganter ein. Noch mehr berührt haben mich deshalb Sines eigene Erinnerungen an ihre Kindheit, den schwierigen Start in Deutschland und die Trauer der Achtjährigen über den Verlust heimatlicher Geborgenheit, die Iris Wolff im gleichen Alter erlebte.
Iris Wolff: Halber Stein. Klett-Cotta 2026
www.klett-cotta.de
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