Zwischen allen Stühlen

Sonia Shah und Sunny Bhatia sind junge Inder, die es äußerlich geschafft haben. Ihre privilegierten Familien und nicht zuletzt die allgegenwärtige indische Korruption haben ihnen zu einem Studium in den USA verholfen. Sonia steht in Vermont kurz vor ihrem Abschluss in Literatur, Sunny arbeitet als junger Journalist bei AP in New York. Dennoch sind beide nicht glücklich. Sunny kann sich trotz der Entfernung nicht dem Einfluss seiner Mutter entziehen, beide leiden unter Einsamkeit. Kurzerhand versucht Sonias Großvater 1997, eine Ehe für seine Enkelin anzubahnen: mit Sunny, dem Enkel der Nachbarn.
Eine zufällige Begegnung
Erst nach ungefähr einem Drittel des Romans Die Einsamkeit von Sonia und Sunny lernen die beiden sich tatsächlich zufällig in Indien kennen. Sonia ist nach einer toxischen Beziehung mit dem mehr als doppelt so alten narzisstischen Künstler Ilan de Toorjen Foss heimgekehrt, was in den Augen ihrer Landsleute einer Niederlage gleichkommt. Sunny, dessen Verbindung mit einer Amerikanerin wegen unüberbrückbarer kultureller Unterschiede am Ende ist, begleitet seinen auf Brautschau befindlichen Freund. Was folgt, ist ein etwa fünf Jahre währendes Hin und Her einer Liebesbeziehung über Kontinente hinweg, die insbesondere von Sunnys eifersüchtiger Mutter und Sonias Ilan-Trauma torpediert wird:
Wenn zwei Menschen mit ihrem Glück drohen, ist die ganze Welt in Aufruhr und muss es verhindern. Beim ersten Zeichen von Glück packen sie zu. Sie wollen die Liebe zerstören, bevor es zu spät ist. (S. 434)
Detailreich und dicht
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist ein zweifellos großer Roman der 1971 in Neu-Delhi geborenen Autorin Kiran Desai, die selbst als Jugendliche aus Indien migrierte und die Probleme von Auslandsinderinnen und – indern somit kennt. 20 Jahre hat sie an diesem Buch gearbeitet, das auf der Shortlist für den Booker Prize 2025 stand, und dessen Manuskript ursprünglich 5000 Seiten umfasste. Nach der drastischen Kürzung entstand eine Dichte, die sich nach deutlich mehr als den tatsächlichen 750 Seiten anfühlt. Folgen lässt sich der Handlung dank der hilfreichen Personenübersicht am Ende gut, aber die Überfülle an Einzelschicksalen, viele von ihnen Romane im Roman, sind fordernd. Offensichtlich erging es der Autorin beim Schreiben wie ihrer Protagonistin Sonia:
Das ist Indien, dachte sie: Du möchtest eine schlanke Story schreiben, aber sie verzweigt sich unweigerlich zu einer größeren. (S. 221)

Überfordert hat mich die reiche Bildsprache: Meer, Wolken, Spiegel, Hund, Schlange, Auge und vieles mehr, jedes Bild für sich genommen gelungen, aber zu viele, um ihnen die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Ähnlich erging es mir mit den zahlreichen, neben der im Mittelpunkt stehenden Einsamkeit angeschnittenen Problemen, von den Wunden der Kolonialzeit über die Kritik am amerikanischen Kapitalismus und Individualismus, Umweltzerstörung, Klassengesellschaft, patriarchalische Strukturen und Korruption in Indien, Gräben zwischen Nationen und Religionen, Tourismus und Rassismus hier wie dort, um nur die wichtigsten zu nennen.
Sehr gut gefallen haben mir dagegen die dramaturgisch klug integrierten Beschreibungen der Natur, der indischen Küche, Kleidung und Wohnstätten. Die Zerrissenheit, Entwurzelung und Einsamkeit nahezu aller Figuren und ihre komplizierten familiären Bindungen beschreibt Kiran Desai nicht nur, sie macht sie spürbar.
Eine Anstrengung, die sich lohnt
Obwohl ich Die Einsamkeit von Sonia und Sunny als überwiegend deprimierenden und in seinen übersinnlichen Teilen sehr fremden Roman gelesen haben, fällt mein Fazit überwiegend positiv aus. Wer sich für die Lektüre entscheidet, sollte allerdings viel Zeit, Geduld und Konzentration mitbringen. Belohnt wird man dafür mit einem schwindelerregenden Mammuttext in 21 Teilen und 75 Kapiteln und einem buntem Themenstrauß rund um ein zwischen Tradition und Moderne zerrissenes Indien.
Kiran Desai: Die Einsamkeit von Sonia und Sunny. Aus dem Englischen von Robin Detje. S. Fischer 2026
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