Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit

   Lange Schatten

Das überaus stimmige Cover der familienbiografischen Spurensuche Ich möchte zurückgehen in der Zeit von Judith Hermann stimmt hervorragend auf den Inhalt ein: Hinter der offenen Tür sieht man eine verschlossene, die Sicht in die Vergangenheit ist versperrt. Wie viele Türen mögen sich dahinter noch verbergen?

Die 1970 geborene Autorin begann mit etwa 50 Jahren, sich für die Kriegserlebnisse ihres Großvaters zu interessieren:

Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet. (S. 10)

Weder die 1990 verstorbene Großmutter, noch die im November 1945 geborene Mutter oder deren ältere Brüder haben, abgesehen von harmlosen Anekdoten, jemals über den 1904 geborenen Großvater gesprochen, der 1932 in die NSDAP eintrat und mit der Waffen-SS in der südostpolnischen Kleinstadt Radom stationiert war. Dort wurde im Frühjahr 1941 ein Ghetto für 33.000 Menschen errichtet, im August 1942 binnen zweier Tage mit äußerster Brutalität wieder aufgelöst und die Bewohnerinnen und Bewohner erschossen oder nach Treblinka bzw. Auschwitz deportierten. Ein Foto zeigt den Großvaters in SS-Uniform in Radom im Juli 1941, eine Beteiligung an den Verbrechen ist sehr wahrscheinlich.

Das große Schweigen
Nachdem die Mutter bei ihrer Weigerung, über ihren Vater zu reden, blieb, reiste Judith Hermann im Februar 2024 nach Radom und verbrachte einige Wochen in der eisigen, abweisenden Stadt, ohne mehr als den Ort zu finden, an dem das Foto aufgenommen wurde. Telefonate mit ihrer Mutter glichen immer mehr Verhören durch eine zunehmend empörte Tochter:

Wie konnten die Geschwister, wie konnte meine Mutter darauf bestehen, diesen Vater nicht gekannt zu haben. (S. 19)

Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. Foto & Collage: © B. Busch. Cover: © S. Fischer.

Von Radom fuhr Judith Hermann weiter nach Neapel zu ihrer als Archäologin tätigen Schwester und deren Familie. Zwar wich die Isolation und Schwermut von Radom einem lebhaften Familienleben in Süditalien, doch zeigte die Schwester keinerlei Interesse an ihren Nachforschungen und die Distanz blieb beidseitig:

Ich wollte sagen, diesen Fund der Skelette nennt man einen geschlossenen Fund. Wir sehen davon aus, dass das Ereignis abgeschlossen gewesen, dass nichts mehr dazu gekommen ist. […]
Ich sagte, diese Sache mit unserem Großvater ist demzufolge kein geschlossener Fund.
Meine Schwester sagte, o.k. Ist kein geschlossener Fund. (S. 129)

Im kürzeren dritten Abschnitt geht es um das kurzzeitige Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise, auch dies eine „beeindruckende Leerstelle, die bis heute Leerstelle geblieben ist; ein geschlossener, zugleich offener Fall“ (S. 148).

Zu viele Leerstellen
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
war mein erstes Buch von Judith Hermann und formal wie sprachlich so gekonnt, wie ich es von dieser häufig ausgezeichneten Autorin erwartet habe. Inhaltlich war ich dagegen enttäuscht. Zwar können Leerstellen eine Geschichte durchaus interessant machen, wenn es aber nur Leerstellen gibt, bleibt wenig übrig. Ich hätte gerne mehr über die Motivation für ihre Recherche erfahren als den Hinweis auf die inzwischen wissenschaftlich belegte, hinlänglich bekannte Tatsache, „dass sich das Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel aufzeigt“ (S. 87). Auch die Beweggründe für die Neapelreise blieben unscharf. Schade außerdem, dass es Judith Hermann ausschließlich um eigene Befindlichkeiten geht und fast keine Auseinandersetzung stattfindet mit den Gründen für das mütterliche Verhalten, deren Loyalitätskonflikt, ihre Angst vor dem Schulderbe und dem diese Verdrängung begünstigenden politisch-gesellschaftlichen Klima nach dem Krieg. Wer darüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich Am Beispiel meines Bruders von Uwe Timm, der zwar nicht der Enkelgeneration angehört, aber bei der Recherche zur Kriegsgeschichte seines deutlich älteren Bruders nach dem Tod seiner Eltern genau diese Aspekte beleuchtet.

Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. S. Fischer 2026
www.fischerverlage.de

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter

   Zwischen allen Stühlen

Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für Dann schlaf auch du zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher Übersetzung mit Das Land der Anderen der erste Band ihrer zwischen Frankreich und Marokko angesiedelten, von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Trilogie. Im Mittelpunkt stand die Elsässerin Mathilde, die den marokkanischen Offizier Amine Belhaj heiratete und ihm 1946 aus Liebe und Abenteuerlust in sein Heimatland folgte.

Bevor Leїla Slimani 2022 den zweiten Band, Schaut, wie wir tanzen, über die nächste Generation veröffentlichte, beschrieb sie in ihrem autobiografischen Memoir Der Duft der Blumen bei Nacht ihre Qualen beim Schreiben:

Ich sitze seit Stunden auf diesem Stuhl, und meine Figuren reden nicht mit mir. Nichts stellt sich ein. Weder ein Wort noch ein Bild, noch der Beginn einer Melodie, die mich dazu hinreißt, ein paar Sätze zu Papier zu bringen. (S. 11)

Noch stärker ausgeprägt ist die Schreibblockade ihrer Protagonistin Mia Daoud in der Rahmenhandlung des dritten Bandes, Trag das Feuer weiter. Diese Enkelin von Mathilde und Amine lebt als Schriftstellerin in Paris und wird von einem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns mit totaler Erschöpfung gequält. Ein Neurologe diagnostiziert „brain fog“ infolge einer Corona-Infektion. Er empfiehlt ihr Marcel Proust als Vorbild, der in einer berühmten Szene aus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit mit dem Eintauchen einer Madeleine in Tee seine Kindheit heraufbeschwört:

Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine. (S. 25)

Mias „Madeleine“ ist eine Reise nach Meknès zur Domaine Belhaj ihrer verstorbenen Großeltern.

Zwei Welten
Mia und ihre jüngere Schwester Inès wachsen in Rabat bei wohlhabenden, liberalen Eltern in einer Blase auf: Der Freiheit zuhause steht die Unfreiheit einer patriarchalen Diktatur draußen gegenüber. Ihre Mutter Aïscha ist Gynäkologin, hat in Straßburg studiert und Mehdi Daoud, einen ehrgeizigen Banker und Aufsteiger, geheiratet, der von einer neuen Mittelschicht träumt. Die Mädchen besuchen mit anderen sorgfältig Auserwählten das französische Gymnasium, im Volksmund „Fette-Knete-Gymnasium“ genannt, mit Lehrkräften aus Frankreich:

Eine Enklave, in der eine auf ausländische Weise in einer ausländischen Sprache erzogene Elite sich selbst reproduzierte und, völlig losgelöst von dem Land, in dem sie lebte, ohne schlechtes Gewissen herrschen würde. (S. 139)

Umso größer ist der Schock, als die lesbische Mia und Inès zum Studium nach Paris kommen, in das Land, dessen Kultur und Sprache sie beherrschen, das ihnen jedoch voller Klischees und Vorurteilen begegnet. Mia hat die Warnung ihres Vaters vor einer Rückkehr im Ohr, der nach einer Intrige entlassen, später verhaftet und erst 2011, acht Jahre nach seinem Tod, rehabilitiert wird:

Die Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln. […] Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter. […] Mein Schatz, verteidige deine Freiheit, geh keine Kompromisse ein, misstraue der Wärme deines Zuhauses. (S. 237)

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Foto & Collage: © B. Busch. Cover: © Luchterhand.

Ein großartiger Abschluss
Trag das Feuer weiter führt alle Fäden der Familiengeschichte zusammen und beleuchtet multiperspektivisch die zentralen Themen Identität und Integration, Heimat und Fremde, Frauenrechte und Patriarchat, Freiheit und Diktatur, Rassismus und Einsamkeit. Die Figuren agieren vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund wie dem Fall der Berliner Mauer, dem 11. September 2001, dem Irakkrieg und großen Fußballereignissen, ohne dass ihr Handeln be- oder gar verurteilt wird.

Das Ende der Trilogie nach gut 1200 Seiten vor Augen, habe ich immer langsamer gelesen, so ungern wollte ich die Familie verlassen. Dank und Anerkennung dafür gebührt sowohl der großartigen Erzählerin Leїla Slimani, als auch ihrer langjährigen Übersetzerin Amelie Thoma, die in angenehm fließendem Deutsch auch dieses Mal wieder genau den richtigen Ton trifft.

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma. Luchterhand 2026
www.penguin.de/verlage/luchterhand-literaturverlag

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Leïla Slimani auf diesem Blog:

     

Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes

  Die dänische Schreibtischrevolution

Die Eckpunkte der dramatischen Ereignisse um den deutschen Arzt Johann Friedrich Struensee (1737 – 1772) am dänischen Königshof sind so hinlänglich bekannt, dass der erste Satz des historischen Romans Der Besuch des Leibarztes von Per Olov Enquist (1935 – 2020) der Spannung keinen Abbruch tut:

Am 5. April 1768 wurde Johann Friedrich Struensee als Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. angestellt und vier Jahre später hingerichtet.

Die Hintergründe dafür deckt der Autor, der für seinen Roman 1999 mit dem renommiertesten schwedischen Literaturpreis, dem August-Preis, ausgezeichnet wurde, in meist chronologischer Erzählweise auf, ausgehend von der Kindheit des späteren Königs Christian VII. (1749 – 1808). Ob dieses intelligente, bereits mit zwei Jahren mutterlose Kind wegen der psychisch wie physisch unbarmherzigen Erziehung oder aufgrund einer Geisteskrankheit seinen Verstand verlor, bleibt offen. Bereits mit 16 Jahren folgte Christian seinem für einen ausschweifenden Lebenswandel berüchtigte Vater Friedrich V. (1723 -1766) als absolutistischer Monarch nach und wurde im gleichen Jahr mit seiner Cousine Caroline Mathilde (1751 – 1775), Schwester des englischen Königs, verheiratet. Obwohl aus der Ehe 1768 nach mutmaßlich einmaligem Beischlaf ein Sohn hervorging, war das Arrangement eine Katastrophe.

Ein Vertrauter
Als Begleiter auf einer europäischen Bildungsreise vom Mai 1768 bis Januar 1769 suchte man für den von unkontrollierten Spasmen, Tobsuchtsanfällen und Melancholie heimgesuchten jungen König einen Leibarzt und wurde in Altona, einer Brutstätte der Aufklärung, fündig. Der in Halle geborene Stadtphysikus und Armenarzt Johann Friedrich Struensee hatte sich dort durch seine Pockenimpfungen mächtige Feinde in Kirchenkreisen gemacht, die ihn des Eingriffs in die göttliche Vorsehung bezichtigten.

Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes. Struensee-Gemälde von Jens Juel, 1771 (Residenzmuseum im Celler Schloss): Wikipedia, gemeinfrei. Cover: © DAV.

Nach dem abrupten Ende der Reise, während der Struensee ein Vertrauensverhältnis zu Christian VII aufgebaut hatte, kehrte er mit ihm nach Kopenhagen zurück und übernahm allmählich die Staatsgeschäfte. Struensee erließ fast 650 Dekrete im Sinne der Aufklärung, darunter solche zur Pressefreiheit, Abschaffung der Folter und Reduzierung der höfischen wie militärischen Ausgaben. Dass er ab Spätsommer 1770 ein Verhältnis mit der Königin einging, aus dem die vom desinteressierten König als leiblich anerkannte Tochter Luise Augusta (1771 – 1843) hervorging, lieferte seinen reaktionären Widersachern 1772 den Vorwand für seine Verhaftung und Hinrichtung. Caroline Mathilde wurde nach Celle verbannt, wo sie mit nur 23 Jahren starb.

Später Triumph
Würde der Roman mit Struensees Tod enden, er wäre die Geschichte eines Scheiterns. Struensee unterlag nach einer Intrige dem Reaktionär und Emporkömmling Ove Guldberg (1731 – 1808), der mit seinen Anhängern das Rad noch einmal zurückdrehen konnte, und doch triumphierten die Ideen seiner unblutigen Schreibtischrevolution wenige Jahre später. Seine und Caroline Mathildes Enkelin wurde dänische Königin und es ist eine Ironie der Geschichte, dass fast überall in europäischen Königshäusern einschließlich des ehemaligen deutschen Kaiserhauses Struenseeblut fließt.

Der schwedische Autor, Journalist und Dramaturg Per Olov Enquist hat aus der ungewöhnlichen Dreiecksgeschichte einen fesselnden historischen Roman gemacht, eine Mischung aus gut recherchierten Fakten und Fiktion, die nicht leicht zu trennen sind. Herausragend sind die Figurenzeichnung, die lebendigen Dialoge und inneren Monologe sowie die Atmosphäre kurz vor der Französischen Revolution. Der Emanzipationsprozess der intelligenten, aufgeschlossenen Königin ist ebenso faszinierend wie erschreckende Gegenwartsbezüge zu Fakenews oder zur Skepsis des Volkes bezüglich Freiheit und Vernunft. Auf die ohne Mehrwert gar zu detailliert beschriebene Folter, Hinrichtungen und Sexualität, nicht nur zwischen Struensee und Caroline Mathilde, hätte ich dagegen gerne verzichtet, genauso wie auf einige zähe theoretische Passagen.

Trotz der klaren, angenehmen Stimme des Sprechers Gert Heidenreich in erfreulich gemäßigtem Tempo habe ich wegen der vielen Namen nach der ersten Stunde einen zweiten Anlauf für das Hörbuch gebraucht, um danach jedoch die mehr als 13 Stunden währende ungekürzte Lesung sehr zu genießen.

Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes. Ungekürzte Lesung mit Gert Heidenreich. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. BR Bayern 2. Der Audio Verlag 2024
www.der-audio-verlag.de

Nicolas Mathieu: Connemara

   Zuviel und Zuwenig

Man könnte vermuten, der französische Autor Nicolas Mathieu hätte mit seinem vierten Roman erstmals seine Heimatregion Grand Est verlassen, aber das erweist sich schnell als Irrtum. Connemara spielt nicht etwa im gleichnamigen malerischen Gebiet in Westirland, sondern in der fiktiven Kleinstadt Cornécourt zwischen Épinal am Südwestrand der Vogesen, wo der Autor 1978 geboren wurde, und Nancy, der ehemaligen Hauptstadt des Herzogtums Lothringen, wo er inzwischen lebt. Auf dieser Region und ihren Menschen ruht der analytische Blick des Soziologen Nicolas Mathieu, ihre Lebensrealität in der postindustriellen Provinz, ihre Träume, Erfolge, Niederlagen, Ausbrüchen oder Resignation ist der Stoff seiner Bücher.

Risse in der Lebensmitte
War es in seinem 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten zweiten Roman Wie später ihre Kinder das Aufwachsen Jugendlicher in den 1990er-Jahren in einer von Arbeits- und Perspektivlosigkeit gebeutelten lothringischen Provinzstadt, so ist es im 2022 erschienenen Connemara die Generation der Vierzigjährigen, die Nicolas Mathieu ins Visier nimmt. Helène Poirot stammt aus dem Kleinbürgertum und kannte immer nur ein Ziel: raus aus der Enge von Cornécourt, weg aus der ängstlichen Spießigkeit des elterlichen Milieus. Mit eiserner Disziplin, generalstabsmäßiger Planung und Fleiß schaffte sie es von der Klassenbesten über eine Top-Five-Universität in eine Pariser Consultingfirma. Dort wird die Luft jedoch dünn und mit 40 fällt sie in eine Sinnkrise. Vier Jahre nach einem Neustart in Nancy, der französischen „Provinz“, und parallel zur ersten Kandidatur von Emmanuel Macron für das Präsidentenamt 2017 tritt der Riss erneut zutage:

Und das, obwohl sie alles hatte, zumindest auf dem Papier, das Architektenhaus, den Job mit Personalverantwortung, eine Familie wie aus der «Elle», einen passablen Lebensgefährten, einen begehbaren Kleiderschrank und sogar eine gute Gesundheit. Blieb nur dieses schwer zu fassende Etwas, das sie fertigmachte, ein ständiges Zuviel und Zuwenig. Diese Zerrissenheit, die sie unbewusst in sich trug. (S. 13)

Da trifft sie zufällig Christophe Marchal wieder, ehemals umschwärmter Eishockeystar ihrer Schule und nun Handelsreisender für Hundefutter mit Bierbauch, nie aus Cornécourt herausgekommen, der bei seinem dementen Vater lebt, seinen Sohn kaum sieht und seiner Sportkarriere nachtrauert, die nie ganz nach oben führte.

Trennendes und Verbindendes
Auch wenn die meisten Stimmen Wie später ihre Kinder mehr loben als Connemara,  hat mir der neuere Roman deutlich besser gefallen: außergewöhnlich plastische, authentisch wirkende Figuren, die unter gesellschaftlichem wie familiärem Druck fast zerbrechen, die präzise Analyse des Kleinstadtlebens in der französischen Provinz und die Fallstricke des Bildungsaufstiegs, klug aufgebaut aus Kapiteln der Jetzt-Zeit und Rückblenden aus verschiedenen Blickwinkeln. Über den auch dieses Mal für meinen Geschmack viel zu detailliert beschriebenen, unnötig herausgestellten Sex konnte ich einigermaßen hinwegsehen, weil die Beziehung zwischen Helène und Christophe für mich nicht zentral war. Viel aufschlussreicher und spannender ist die Welt der Beraterfirmen mit ihren Exceltabellen, endlosen Meetings und Phrasen, diese von Männern geprägte Welt mit ihrer Vulgarität, Frauenverachtung und Abzockermentalität, die durch Großprojekte wie die von Paris verordnete Schaffung der neuen Großregion Grand Est befördert wird.

Nicolas Mathieu: Connemara. Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Piper.

Bleibt die Frage nach dem Titel, Connemara. Er steht für das, was im Roman ausnahmsweise alle verbindet, den in Frankreich äußerst populären Ohrwurm aus den 1980er-Jahren Les lacs de Connemara von Michel Sardou. Kult für die einen, Kitsch für die anderen, aber wenn er bei Familienfeiern, auf Volksfesten, in Nachtclubs oder auf Studentenfeten ertönt, tanzen alle mit.

Ein aufschlussreicher, kluger und unterhaltsamer Roman voller Melancholie, aber nicht völlig hoffnungslos.

Nicolas Mathieu: Connemara. Aus dem Französischen von Lena Müller u. André Hansen. Piper 2024
www.piper.de

 

Weitere Rezension zu einem Hörbuch von Nicolas Mathieu auf diesem Blog:

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind

  Einer gegen alle

Gleich zwei Romane des Jahres 2025 nehmen Bezug auf das naturalistische Schauspiel Ein Volksfeind des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Henrik Ibsen (1828 1906), dem eine wahre Begebenheit zugrunde liegt. In Halbinsel von Kristine Bilkau, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025, erkennt die Protagonistin Parallelen zwischen dem unbestechlichen Idealisten, der durch Verkünden einer unbequemen Wahrheit zum Volksfeind wird, und ihrer Tochter, einer Umweltwissenschaftlerin in der Sinnkrise:

An den Fakten würde das nichts ändern, sie würden dadurch nicht weniger wahr. Aber sie glaube nicht mehr daran, dass Menschen sich durch Fakten beeinflussen ließen. (Halbinsel, S. 146)

Im Roman Acht Jahreszeiten der samisch-norwegischen Autorin Kathrine Nedrejord stemmt sich die Ich-Erzählerin gegen den Vorwurf der Besserwisserei beim Aussprechen dessen, was für sie wahr ist:

Was spielt es für eine Rolle, ob die Erde rund ist? «Ein Volksfeind» sagte etwas anderes. (Acht Jahreszeiten, S. 349)

Nicht nur zitiert wird Ein Volksfeind bis heute, das Drama wird auch seit der erfolgreichen Erstaufführung 1883 gespielt und dient als Schullektüre.

Idealist versus Pragmatiker, Wahrheit versus Egoismus
Doktor Tomas Stockmann ist Badearzt in einem Ort an der norwegischen Südküste und Initiator des Kurbetriebs seiner Heimatstadt. Nach ärmlichen Jahren im Norden ist er mit seiner Familie dorthin zurückgekehrt und profitiert – wie alle in der Stadt – von der neuen Einnahmequelle.

Aufgeschreckt durch vermehrte Erkrankungen unter den Badegästen hat er heimlich Proben an die Universität geschickt, die darin eine gesundheitsschädliche Häufung von Bakterien findet. Nachdem er zunächst für seine Entdeckung gefeiert wird, schlägt die Stimmung um, als sein älterer Bruder Peter Stockmann, Stadtrichter, Polizeidirektor und Vorsitzender der Badeverwaltung, der Bevölkerung die Kosten für die notwendigen Baumaßnahmen und eine zweijährige Schließung vorrechnet:

Ein Mann, der seine eigene Vaterstadt auf eine solche Weise beschimpft, muss ein Feind der Gesellschaft sein. (2. Akt)

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind. © B. Busch.

Revolution!
Die chemische Analyse wird angezweifelt, man versucht, den Idealisten und Vorkämpfer für die Wahrheit mundtot zu machen. Nun geht es für den Arzt plötzlich um Größeres:

Denn jetzt handelt es sich nicht mehr etwa nur um das Wasserwerk oder um die Sickergrube. Nein, unsere ganze Gesellschaftsordnung muß gereinigt, muß desinfiziert werden – . (3. Akt)

Die Volksversammlung im vierten Akt zementiert seine Niederlage, in deren Folge es zu Handgreiflichkeiten und Angriffen auf seine Integrität kommt. Angestachelt vom Widerstand verliert er zunehmend die Kontrolle und verzweifelt am in seinen Augen scheinheiligen, korrupten politischen System, an der Demokratie und der Majortät:

Ich bin entschlossen, Revolution zu machen gegen die Lüge, daß die Mehrheit die Wahrheit gepachtet hätte. (4. Akt)

Auch die Ursachen für die Manipulierbarkeit des Volkes benennt er klar:

Nein, es sind die Verdummung, die Armut, die Dumpfheit der Lebensbedingungen, die diese verheerende Wirkung haben. (4. Akt)

Beruflich kaltgestellt und privat geächtet, will er sich, anstatt auszuwandern, fortan der Erziehung der Massen widmen, insbesonders der „Straßenköter“.

Auch wenn Tomas Stockmanns Zweifel an der Demokratie gerade heute angesichts vielfältiger weltweiter Angriffe auf diese Herrschaftsform höchst gefährlich sind, erfährt das gesellschaftskritische Drama Ein Volksfeind über Themen wie Wahrheit, Freiheit, Mehrheit und Manipulation durch seine verblüffende Aktualität zurecht immer noch große Beachtung.

Henrik Ibsen: Schauspiele. Übertragen von Hans Egon Gerlach. Mit einem Vorwort von Joachim Kaiser. Hoffmann und Campe 1977. Darin: Ein Volksfeind. S. 395 – 492.

Tommie Goerz: Im Schnee

  Melancholisch und beglückend

Das wunderschöne Cover des Romans Im Schnee täuscht gleich doppelt: Einerseits gaukelt es eine ruhige dörfliche Idylle vor, die es, wie man während der Lektüre erfährt, nie gab. Andererseits könnte der fehlende Rauch aus den Schornsteinen auf verlassene Höfe und Häuser hindeuten. Doch noch sind die meisten Gebäude in Austhal bewohnt, jenem fiktiven oberfränkischen Dorf zwischen Arzberg und Wunsiedel. Aber wie lange noch? Umso wichtiger deshalb, dass es Autoren wie den 1954 in Erlangen geborenen Tommie Goerz gibt, die über diese verschwindende dörfliche Welt schreiben, unsentimental und nicht reaktionär oder kitschig, dicht, dem Inhalt entsprechend sprachlich einfach gehalten und beglückend – trotz der Schwermut.

Ein Blick zurück
Vieles ist in Austhal in den letzten Jahrzehnten verschwunden: der Bäcker, der Metzger, der Dorfladen, der Schuhmacher, das zweite Wirtshaus, die Hofhunde und der Uhu, die Schule und der Pfarrer, und nun läutet wieder einmal das Totenglöckchen. Über den friedlich und sanft fallenden Schnee hinweg verkündet es den Tod von Georg Wenzel, dem Schorsch. Am Küchenfenster seines Hauses steht der über 80-jährige Max Malter, Schorschs bester Freund, mit dem er fast sein ganzes Leben teilte. Selbst als beide die Maicherd heiraten wollten, zerbrach ihre Freundschaft nicht. Schorsch bekam sie, Max blieb ohne Groll allein.

Mit Schorschs Tod setzt ein traditionelles Trauer- und Abschiedsritual ein, beginnend mit der Totenwacht der Männer bis Mitternacht, bei der man trinkt, isst, sich erinnert und vor allem Geschichten erzählt. Dann lösen die Frauen sie bis zum Morgen ab, richten den Toten her, der aufgebahrt auf seinem Sofa liegt, essen, trinken, singen, tauschen Rezepte aus, machen Handarbeiten, knacken Nüsse und reden. Nur Max, der zwei Äpfel der Lieblingssorten des Verstorbenen für ihn mitgebracht hat, darf auch bei der Wacht der Frauen bleiben. Immer wieder nickt er ein, dazwischen hängt er seinen Erinnerungen nach, trauert um den Schorsch und einen Teil seines eigenen Lebens und hat eine Vorahnung vom eigenen Tod.

Tommie Goerz: Im Schnee. Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Piper.

Nicht nur der Verstorbene, auch 80 Jahre Dorfgeschichte werden in dieser Nacht wieder lebendig, während der Schnee die Gebäude immer mehr verschluckt. Viele Erinnerungen sind gut, handeln von Tradition, Ritualen, Verbundenheit, klaren Regeln und Zusammenhalt, aber es gibt auch die räumliche Enge und Engstirnigkeit, mit der man konsequent alles Fremde ablehnt. Selbst nach Jahrzehnten bleiben die Zugezogenen „Neubürger“ ohne einen Platz am Stammtisch. Zur Verhinderung von Schwarzen im Dorf nahm man das Recht auch mal in die eigene Hand, ein rothaariges Kind wurde rigoros weggesperrt und Gewalt stumm geduldet:

Aber solange man nichts davon wusste, hatte man damit nichts zu tun. (S. 107)

Max, der sich ein Leben außerhalb des Dorfes nie hätte vorstellen können, wehrt jede Verklärung ab:

Dieses Dorf […] ist wie jedes Dorf. Da wohnen Leute, und da gibt es Misthaufen. Und je näher man herankommt, desto mehr stinkt es. (S. 159)

Leise und eindringlich
Tommie Goerz hat 2023 mit Im Tal sein literarisches Debüt veröffentlicht, nachdem er für seine Franken-Krimis unter anderem 2021 den Friedrich-Glauser-Preis bekam. In seinem nur 173 Seiten umfassenden zweiten Roman Im Schnee erzählt er eine Dorfgeschichte, eingebettet in die etwa sieben Tage von der Totenglocke bis zur „Leich“ und zwei Tage darüber hinaus. Ein sehr beeindruckendes literarisches Kleinod und eine große Leseempfehlung!

Tommie Goerz: Im Schnee. Piper 2025
www.piper.de

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten

   Wütend und laut

Sápmi ist das Land nördlich des Polarkreises, in dem seit Tausenden von Jahren das indigene Urvolk der Sámi lebt. Durch Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte erstreckt sich Sápmi heute über vier Länder: Norwegen (ca. 40.000 – 65.000 Sámi), Schweden (ca. 20.000 – 40.000), Finnland (ca. 8.000 – 10.000) und Russland (ca. 2.000). Auch ohne blutige Kolonialkriege wurde die Bewegungsfreiheit der Urbevölkerung immer stärker eingeschränkt, ihre Kultur, Sprachen, Musik, Kleidung, Traditionen, Religion und Kunst zu Gunsten einer staatlichen Homogenisierung bekämpft, ihre Geschichte geleugnet, ihr Territorium besiedelt, ihre Schädel von Rassentheoretikern vermessen, ihr Stolz und Selbstbewusstsein zerstört. Obwohl heute wieder samisch gesprochen werden darf, Weiderechte für Rentiere festgeschrieben sind, samische Parlamente in Norwegen, Finnland und Schweden für gewisse Mitspracherechte sorgen und zumindest Norwegen das „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“ der Internationalen Arbeitsorganisation ratifiziert hat, bleibt das Zusammenleben von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung problematisch.

Sápmi-Flagge, umgeben von den Flaggen Dänemarks, Norwegens, Finnlands und Russlands. © B. Busch.

Ein Sámi-Problem?
Die 1987 geborene samisch-norwegische Autorin Kathrine Nedrejord hat darüber einen Roman geschrieben, der auf Deutsch nach der samischen Jahreseinteilung Acht Jahreszeiten heißt, im norwegischen Original jedoch wesentlich provokanter Sameproblemet.

Im Mittelpunkt steht die Samin und Journalistin Marie Engmo, samisch Márjá, die wie die Autorin seit vielen Jahren in Frankreich lebt. Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte sie im mehrheitlich samischen Márkannjárga an der norwegisch-finnischen Grenze, bevor sie in Seifjord an der Westküste als einzige Sámi ihrer Klasse Spott und Hass erfuhr, dadurch wirklich Sámi wurde und gleichzeitig ihre Sprache verlor. Nach dem Abitur im Internat in Alta suchte sie im Studium Abstand in Oslo, fühlte sich dort jedoch zerrissener und fremder im eigenen Land denn je:

Ich befand mich zu nah an der Finnmark und doch zu weit weg. (S. 70)       

Erst in Frankreich konnte Marie ihre schmerzhaften Erinnerungen verbannen, indem sie ihre Herkunft ausblendete und sich weigerte, über den Norden zu schreiben.

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten. Hintergrundfoto (bei Márkannjárga): © M. Busch. Kleine Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Eichborn.

Zwei Ereignisse erschüttern die Verdrängung ihres samischen Traumas: Zuerst wird sie Mutter und begreift, dass „ich nicht weiß, wie man Mutter in einer anderen Sprache als der eigenen ist“ (S. 52). Vier Monate später stirbt ihre Áhkku, ihre Großmutter. Marie kehrt zur Beerdigung alleine nach Márkannjárga zurück. Sofort ist sie wieder „Teil des Familienorganismus“ (S. 62), den sie jahrelang gemieden hat, gute wie schmerzhafte Gefühle und Gedanken kehren zurück. Schlagartig begreift sie, dass sie zwar nicht über den Norden, wohl aber über ihre Áhkku schreiben kann. Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend mischen sich mit Geschichten über die Frauen der Familie, insbesondere die Großmutter.

Neue indigene Frauenstimmen
Mit den Romanen der schwedisch-samischen Autorinnen Ann-Helén Laestadius (Das Leuchten der Rentiere und Die Zeit im Sommerlicht) und Elin Anna Labba (Das Echo der Sommer) sowie der kvenisch-norwegischen Autorin Ingeborg Arvola (Der Aufbruch) gibt es inzwischen erfreulicherweise immer mehr vielbeachtete, teilweise preisgekrönte Texte aus indigener Perspektive. Alle rücken das Unrecht gegenüber der Urbevölkerung ins Bewusstsein der Mehrheitsbevölkerung, keine jedoch ist ähnlich wütend, bitter, laut und zerrissen wie Kathrine Nedrejord mit Maries Weigerung, „über historische Wunden [zu] sprechen, als handle es sich um neutrale Fakten“ (S. 165) und deren Wutausbrüchen in Großbuchstaben:

WIR WOLLTEN EXISTIEREN, UND WIR WOLLTEN SÁMI SEIN.
EINS VON BEIDEN WAR ZU VIEL. (S. 165)

Acht Jahreszeiten ist ein fordernder Roman in wunderschöner Aufmachung, der zeitlich springt, aufrüttelt, sich auf das Schicksal anderer Minderheiten übertragen lässt und überhaupt nicht zum positiven Image des wunderbaren Reiselands Norwegen passt.

Glücklicherweise irrt Marie mit ihrer Vermutung, ihr Text würde, wie der Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Assimilierungspolitik der norwegischen Minderheiten von 2023, weitgehend unbeachtet bleiben. Immerhin hat Kathrine Nedrejord für diese politische Wutrede und ihr Plädoyer für Inklusion statt Homogenisierung unter anderem 2024 den renommierten Brageprisen erhalten.

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten. Übersetzung aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat. Eichborn 2025
bastei-luebbe.de/unternehmen/unsere-verlage/eichborn

 

Weitere Romane über die nordischen Minderheiten der Sámi und Kvenen auf diesem Blog:

           

Weitere Rezension zu  einem Roman, der mit dem renommierten Brageprisen in der Kategorie „Belletristik für Erwachsene“ ausgezeichnet wurde:

2000
2022

Jon Fosse: Vaim

   Rätselhafte Macht und Ohnmacht

Bei einer Abendveranstaltung des Gastlands Norwegen auf der Leipziger Buchmesse 2025 hatte ich das große Glück, den Schauspieler Joachim Król bei einer Vorablesung aus Vaim, dem ersten Buch von Jon Fosse nach der Literaturnobelpreisverleihung 2023, zu erleben. Mit Hinrich Schmidt-Henkel im Publikum, dem sämtliche großartigen Übersetzungen dieses Autors ins Deutsche zu verdanken sind, las Joachim Król großartig und mit sparsamen Gesten die ersten Seiten. Darin wird der Ich-Erzähler Jatgeir beim Kauf von Nadel und Faden zum Annähen loser Knöpfe von der Besitzerin eines Kleiderladens gründlich abgezockt und fügt sich nach innerem Kampf in die Demütigung.

Joachim Król (links) und der Moderator Thomas Böhm (rechts) bei der Norwegischen Nacht im März 2025 in Leipzig. © B. Busch.

Drei männliche Ich-Erzähler
Die aberwitzige Komik dieser Szene kam für mich beim Zuhören noch deutlicher zur Geltung als beim Lesen. Nun überwog das Mitgefühl mit dem unbeholfenen älteren Mann aus dem fiktiven Dorf Vaim an der norwegischen Westküste, der extra wegen dieses Anliegens mit seinem über alles geliebten Holzboot in die Stadt Bjørgvin segelt. Er erleidet an diesem Tag noch eine weitere Niederlage in einem Kolonialwarenladen in Sund auf Santor, bevor das Schicksal mit einer großen Überraschung aufwartet. Plötzlich hört er seinen Namen, gerufen von seiner heimlichen, nie vergessenen Jugendliebe Eline, die Vaim vor vielen Jahren verließ und einen Fischer auf Santor heiratete. Kaum hat er sich davon überzeugt, dass er nicht halluziniert, teilt Eline ihm mit, dass sie ihren Mann verlassen, mit ihrem Koffer auf seinem Boot nach Vaim zurückkehren und bei ihm einziehen wird. Wer denkt, für den einsamen Jatgeir ginge ein Wunschtraum in Erfüllung, irrt:

[…] wollte ich nicht lieber weiter allein wohnen, wie ich es getan hatte, ja seit dem Tod meiner Eltern, und das waren mittlerweile ein paar Jahre, aber jetzt ging es wohl nicht mehr darum, was ich wollte oder nicht wollte, jetzt herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille, alles war irgendwie auf einmal verändert, jetzt herrschte hier Elines Wille […] (S. 55)

Jon Fosse: Vaim. Fotos: © M. u. B. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Rowohlt.

Im zweiten Teil des Romans geht die Erzählstimme auf Jatgeirs einzigen Freund Elias über, einen Außenseiter wie er, im Gegensatz zu ihm jedoch gläubiger Kirchgänger. Elias ist nicht gut auf Eline zu sprechen, denn seit sie Chefin in Jatgeirs Haus ist, ist er einsamer denn je. Der Tag, an dem er erzählt, beschert ihm ein übernatürliches Erlebnis.

Dritter Erzähler ist Olav, der verlassene Ehemann. Er hat Eline als ebenso übergriffig erlebt wie Jatgeir, nicht nur, weil sie ihn von Beginn an Frank nannte. Überhaupt ist das Spiel mit den Namen kurios: Jatgeir heißt eigentlich Geir, Eline eigentlich Josefine und Bjørgvin ist der alte Name von Bergen, obwohl es Hinweise gibt, dass der Roman in einer nähergelegenen Vergangenheit spielt.

Ein stummes Zentrum
Vaim
ist der erste Band einer Triologie. Nur die männlichen Protagonisten geben hier ihre Sicht wieder, während Eline, die die Männer wie Schachfiguren herumschiebt, stumm und undurchschaubar bleibt. So bleibt es uns Lesenden überlassen, ihr rätselhaftes Durchsetzungsvermögen einzuordnen, zu bewerten und zu diskutieren.

Das Fosse-Virus
Nach der Novelle Das ist Alise war Vaim das zweite Buch von Jon Fosse für mich, ebenso frei von Punkten und Anführungszeichen und mit nur wenigen Zeilensprüngen, einem atemlosen Wortstrom mit hypnotisierendem Rhythmus, wiederkehrenden Motiven, viel nordischer Atmosphäre und nun sogar feinem Humor.

Wer dem typischen Fosse-Stil nichts abgewinnen kann, wird auch Vaim nicht mögen. Wer allerdings vom Fosse-Virus genauso infiziert ist wie ich oder sich anstecken lassen möchte, dem lege ich den nur 156 Seiten kurzen, nicht schwer zu lesenden Roman wärmstens ans Herz.

Jon Fosse: Vaim. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt 2025
www.rowohlt.de

 

Weitere Rezension zu einem Buch von Jon Fosse auf diesem Blog:

Meine Lese-Highlights, Interviews und literarischen Begegnungen 2025

Lesen stärkt die Seele. (Voltaire)

© B. Busch

16 Bücher aus 14 Verlagen und unterschiedlichen Genres haben es auf meine persönliche Hitliste 2025 geschafft. Es sind Titel, die mich im Laufe des Jahres am nachhaltigsten beschäftigt haben und die zu Freunden wurden, weil sie mir die Welt nähergebracht und meine Seele gestärkt haben. Wie immer ist mein Kriterium nicht, dass die Bücher sich bereits über lange Zeit als Klassiker bewährt haben, oder die Überzeugung, dass sie auch in hundert Jahren noch gelesen werden. Es ist eine subjektive Auswahl von Werken, denen ich im für mich genau richtigen Augenblick begegnet bin. Sie alle haben nun einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal.

blauer Stern (von oben im Uhrzeigersinn):

Simon Stranger: Museum der Mörder und Lebensretter. A. d. Norweg. von Thorsten Alms. Eichborn 2025
Gaea Schoeters: Das Geschenk. A. d. Niederl. von Lisa Mensing. Zsolnay 2025
Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Staub. Tulipan 2025
Alice Berend: Frau Hempels Tochter. Reclam 2025
Samantha Harvey: Umlaufbahnen. A. d. Engl. von Julia Wolf. dtv 2024
Matthias Jügler (Hrsg.): Wir dachten, wir könnten fliegen. Mit Illustrationen von Barbara Dziadosz. Penguin 2025
Silke Schlichtmann: Mein merkwürdig schöner Sommer mit Luna. Illustriert von Verena Körting. Hanser 2025
Edvard Hoem: Die Hausmamsell. A. d. Norweg. von Antje Subey-Cramer. Urachhaus 2025

orangefarbener Stern (von oben im Uhrzeigersinn):

Jon Fosse: Das ist Alise. A. d. Norweg. von Hinrich Schmidt-Henkel. mare 2023
Elisabeth Gaskell: Norden und Süden. A. d. Engl. von Gerlinde Völker. Reclam 2025
Elin Anna Labba: Das Echo der Sommer. A. d. Schwed. von Hanna Granz. S. Fischer 2025
Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten.
Luchterhand 2025
Katharina Köller: Wild wuchern. Penguin 2025
William Heinesen: Noatun. A. d. Dän. von Inga Meincke u. Verena Stössinger. Guggolz 2025
Takis Würger: Für Polina. Diogenes 2025
Kristine Bilkau: Halbinsel. Luchterhand 2025

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Zwei Rubriken aus dem Jahr 2024 habe ich fortgesetzt: Literatur in Bildern mit Fotos zu Autorinnen, Autoren sowie literarischen Orte und Literarische Übersetzerinnen & Übersetzer im Interview. 2025 sind zwei neue Interviews entstanden:

Dr. Berthold Forssman. © privat.

 

 

Interview mit dem Übersetzer Bertold Forssman

 

 

 

Hanna Granz. © privat.

 

 

Interview mit der Übersetzerin Hanna Granz

 

 

 

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Neben dem Lesen und zwei eindrucksvollen Besuchen auf der Leipziger Buchmesse im März und auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2025 werden mir von diesem Jahr fünf Begegnungen mit drei Autorinnen und zwei Autoren im Gedächtnis bleiben: Im Januar trat Matthias Jügler im Rahmen der Lesart mit seinem Roman Maifliegenzeit in Esslingen auf, im Mai bzw. September war der wunderschöne Botnanger Buchladen Gastgeber für Takis Würger mit Für Polina und Katharina Köller mit Wild wuchern, im Oktober las Anna Maschik auf Einladung der ebenso herausragenden Buchhandlung Uwe Mumm in Pforzheim aus ihrem Roman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten und im Dezember fand eine gemeinsame Veranstaltung des Stuttgarter Literaturhauses und des Naturkundemuseums mit Gaea Schoeters und ihrem Buch Das Geschenk im Schloss Rosenstein statt. 

Matthias Jügler: Maifliegenzeit. Veranstaltung im Rahmen der Lesart Esslingen am 14.01.2025. Fotos: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Penguin.
Takis Würger bei Gespräch und Lesung zu „Für Polina“ im Botnanger Buchladen am 22.05.2025. Fotos: © B. & M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Diogenes.
Katharina Köller bei Gespräch und Lesung zu „Wild wuchern“ im Botnanger Buchladen am 23.09.2025. © B. & M. Busch. Cover: © Penguin.
Anna Maschik bei einer Lesung der Buchhandlung Uwe Mumm in der Heilig-Geist-Kirche in Pforzheim-Dillweißenstein am 20.10.2025. © B. Busch. © Cover: Luchterhand.
Interview und Lesung mit Gaea Schoeters (rechts) im Naturkundemuseum Stuttgart – Schloss Rosenstein am 3.12.2025. © B. Busch. Cover: © Zsolnay.

 

Allen Besucherinnen und Besuchern auf meinem Blog wünsche ich ein gesundes, Frieden bringendes und erfülltes Jahr 2026!

 

Meine Lese-Highlights früherer Jahre:  

2019
2020
2020
2021
2022
2023

 

 

2024

 

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

   Heimat und Fremde

Die Autorin Shida Bazyar wurde 1988 in Deutschland als Kind iranischer Eltern geboren. Flucht und der Spagat zwischen neuer und alter Heimat sind auch die Themen ihres hochgelobten Debüts aus dem Jahr 2016, das trotz spürbarer autobiografischer Einflüsse ein Roman ist.

Vier Erzählstimmen einer Familie aus dem Iran, Vater, Mutter, Tochter und Sohn, in vier langen Kapiteln aus den Jahren 1979, 1989, 1999 und 2009 sowie eine fünfte, ebenfalls einer Tochter, im kurzen, undatierten Epilog sorgen für unterschiedliche Perspektiven und bilden den äußeren Rahmen.

Zwei Generationen, vier Perspektiven, eine überraschende Wendung
Beshad, im Iran Lehrer, seine Frau, die Literaturwissenschaftlerin Nahid, ihre Tochter Laleh, die bei der Flucht 1986 vier Jahre alt war, und Morad, der damals Einjährige, berichten von der iranischen Revolution, als Kommunisten wie Beshad zunächst an der Seite der Khomeini-Anhänger den Schah und die Amerikaner vertrieben, nach dem Sieg der Mullahs jedoch in den Untergrund gedrängt wurden:

Plötzlich weißt du nicht mehr, wann aus dem gemeinsamen Kampf während der Revolution ein Kampf gegeneinander um die neue Herrschaft geworden ist. (S. 47) 

Es geht um die Flucht 1986 über Istanbul nach Deutschland, um Schwierigkeiten beim Ankommen in Deutschland, um den Verlust von Heimat und Sprache, die unterschiedlich verlaufende Integration von Eltern und Kindern, die ungeplante Geburt der Tochter Tara und um eine Reise in den Iran von Mutter und Töchtern während einer Reformperiode 1999, wo sich Laleh zugehörig und fremd zugleich fühlte:

Du gehst anders, sagen sie, Du guckst anders.“ (S. 166)

Morad, der bummelige Student, entwickelt erst während der Grünen Revolution 2009 Interesse für das Land seiner Geburt, während ihn vorher seine auf Veränderungen im Iran fokussierten Eltern nervten:

Weil meine Eltern alles, was sie in den deutschen Nachrichten sehen, stillschweigend als etwas registrieren, was nicht ihr Problem ist. (S. 247)

Der kurze Epilog aus Taras Sicht stellt alles auf den Kopf.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran. Foto: © U. Gmähle. Collage: © B. Busch. Cover: © Kiepenheuer & Witsch.

Nicht ganz überzeugend
Prinzipiell lese ich gerne Migrationsromane, insbesondere Herkunft von Saša Stanišić       gehört zu meinen Lieblingsbüchern, weshalb ich mich sehr auf Nachts ist es leise in Teheran gefreut hatte. Wer allerdings mehr über den Iran und seine neuere Geschichte erfahren möchte, wird hier vermutlich ebenso enttäuscht wie ich. Besonders der Abschnitt von Laleh über die Iran-Reise war mir zu oberflächlich, denn ich hätte mir mehr gewünscht als eine verwirrende Vielzahl von Verwandten und den Schönheitskult der weiblichen Familienangehörigen. Leider hat mich auch die sprachliche Umsetzung mit wenigen Absätzen und fehlenden Anführungszeichen nicht überzeugt. So gut mir die Idee der verschiedenen Erzählstimmen gefällt, so wenig gelungen ist die stilistische Differenzierung zwischen Behsad, Nahid und Laleh, weshalb bei mir keine Nähe zu den einzelnen Familienmitgliedern aufkam. Morads Jugendsprache hebt sich zwar deutlich ab, schön zu lesen ist sie allerdings nicht.

Insgesamt hat mich – mit Ausnahme des überraschenden Epilogs – jedes Kapitel weniger angesprochen als das vorhergehende. Im Gedächtnis bleiben mir daher ein politisch sehr erhellendes erstes Kapitel über die iranische Revolution, eine perfekte gelungene Überraschung im Epilog und ein klug konzipierter Aufbau.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran. Kiepenheuer & Witsch 2017
www.kiwi-verlag.de